Die Entwicklung von Parametern für Silicium in organischen wie anorganischen
Verbindungen stellte für mich ursprünglich eine reine Spielerei dar, zu
der ich durch die Publikation einer ungewöhnlichen
Siloxanstruktur[82] angeregt wurde. Nach ersten Versuchen zeigte sich
aber bald ein erhebliches Entwicklungspotential, wenngleich auch das Silicium
derzeit nur im Kraftfeldteil berücksichtigt wird, was die Einsatzmöglichkeiten im Bereich des
wachsenden Forschungsgebietes der Organosiliciumverbindungen gegenwärtig
noch etwas einschränkt. Erste Ergebnisse[83] zeigen jedoch, daß
die berechneten Daten auch über die zur Parametrisierung verwendeten Systeme
hinaus korrekt sind. Zur Berücksichtigung des Einflusses der zunehmend
synthetisch genutzten Trialkylsylylgruppen sind die gegenwärtigen Parameter
in jedem Falle brauchbar.
Eine andere, möglicherweise bedeutsamere Anwendungsmöglichkeit liegt in
dem unserem Programm eigentlich fremden Gebiet der anorganischen Chemie. Mit
der gegenwärtigen Parametrisierung ist es schon sehr gut möglich, die
typischen Gerüststrukturen von Zeolithen zu modellieren, woraus
sich interessante Anwendungsperspektiven in der Untersuchung von
Katalysevorgängen ergeben. Zeolithe sind Alumosilikate, in denen die
Silikat-Tetraeder zu einem dreidimensionalen, von Hohlräumen durchzogenen
Netzwerk verbunden sind. Die Hohlräume können untereinander zu Kanälen
oder auch zwei- und dreidimensionalen Röhrensystemen verbunden sein, in
manchen Systemen bilden sich grössere Kammern aus, die durch Kanäle
geringeren Durchmessers untereinander verbunden werden. Unreaktive Zeolithe
mit einem Kanalsystem bieten sich für den Einsatz als Molekularsiebe an, mit
denen etwa sterisch anspruchsvolle Verbindungen von ihren weniger sperrigen
Isomeren getrennt werden können. Durch den Einbau des dreiwertigen
Aluminiums anstelle von Silicium in das Kristallgerüst entstehen zudem
Störstellen mit einer negativen Ladung, die nach Anlagerung von Protonen als Brønstedt-Säuren
wirken und damit auch bestimmte Reaktionen, insbesondere Fragmentierungen
und Isomerisierungen, katalysieren können. Der Einbau kann sowohl definiert
als auch statistisch verteilt erfolgen, wobei diese Zentren aber einen
vermutlich elektrostatisch bedingten Mindestabstand von zwei Silikat-Tetraedern
voneinander einnehmen (Dempsey- und Löwenstein-Regeln). Zum Ausgleich der
negativen Ladung werden Kationen in die Struktur eingelagert, deren eigene
katalytische Aktivität das technische Einsatzspektrum des Zeoliths erweitern kann.
Zwar ist die Modellierung der eigentlichen katalytischen Prozesse mit dem
hier vorgestellten Kraftfeldverfahren selbstverständlich nicht möglich,
von ähnlicher Bedeutung sind aber die im Inneren des Zeoliths ablaufenden
Transportprozesse sowie eventuelle Vorzugspositionen in größeren Hohlräumen.
Mit einer ersten Modellierungsstudie, die von der Kristallstruktur des Zeoliths
Linde Y ausging, konnte ich bereits zeigen, daß die Modellierung der Gerüststruktur
ohne Schwierigkeiten möglich ist. Bei Zeolith Y handelt es sich um eine
technisch erzeugte Form des Minerals Faujasit, die gegenüber anderen Formen
wie Linde X einen geringeren Austauschgrad von Silicium durch Aluminium
aufweist. Er wird großtechnisch zur Isomerisierung und Disproportionierung von
Kohlenwasserstoffen, insbesondere in der Petrochemie (katalytisches
Cracken) eingesetzt.
Seine Struktur[84] ist gekennzeichnet durch das Auftreten großer, annähernd
kugelförmiger Hohlräume, Superkäfige von etwa 1,2 Nanometern Durchmesser,
die untereinander durch kurze, fensterartige Kanäle von nur etwa achthundert
Picometern Durchmesser verbunden sind, wie aus der folgenden Darstellung zu
erkennen ist.
Figure 5: Ausschnitt aus der Faujasitstruktur
Die Größe dieser Kanäle, die von zwölfgliedrigen Ringen aus Silikat-Tetraedern
gebildet werden, bestimmt die maximalen Dimensionen von Gastmolekülen, die in
die Superkäfige hinein oder aus ihnen heraus diffundieren können. Die
Struktur enthält weiterhin kleinere, kuboktaedrische Käfige, die sogenannten Sodalithkäfige, in denen ein Großteil der Natriumionen, die zum Ausgleich
der Ladung der statistisch in das Gerüst eingebauten Aluminiumionen
eingelagert werden, lokalisiert sind. Ein Teil der Natriumionen kann gegen
andere Ionen, üblicherweise solche der Übergangsmetalle, ausgetauscht
werden, wodurch die katalytischen Eigenschaften des Zeoliths beeinflußt
werden können.
Von erheblichem technischem und wirtschaftlichem Interesse ist bei
derartigen Systemen zum einen das Studium der Wanderungsgeschwindigkeiten
in den Kanälen, denkt man etwa an den Einsatz von Mischungen oder die
Möglichkeit, ein unerwünschtes Konkurrenzprodukt durch Verlängerung seiner
Verweilzeit wenigstens teilweise zur Umsetzung zu bringen. Genauso wäre
natürlich auch ein weitgehendes Verstopfen des Kanalsystems durch Neben-
oder Konkurrenzprodukte denkbar.
Zum anderen ist aber auch das Verhalten eines Gastmoleküls im Superkäfig
wesentlich, wenn man etwa annimmt, daß die katalytisch aktiven Zentren
bestimmte Positionen innerhalb der Käfigwandungen einnehmen. Wenn nun
unterschiedliche Gastmoleküle ihrerseits jeweils spezifische Vorzugspositionen
im Käfig besetzen, kann durchaus mit dem Auftreten unterschiedlicher
Reaktionsprodukte - oder auch mit dem Ausbleiben jeglicher definierter
Reaktion - zu rechnen sein. Dieses Verhalten wird zusätzlich auch mit der
Beladung des Zeolithen variieren, wenn ab einer spezifischen Konzentration
im Hohlraum Wechselwirkungen der Gastmoleküle untereinander die Einnahme
einzelner oder aller Vorzugspositionen verhindern.
Angesichts der großen technischen Bedeutung verwundert es nicht, daß neben
einer Vielzahl von experimentellen Untersuchungen in zunehmendem Umfang auch
theoretische Studien unternommen werden, die neben den hier geschilderten
Problemen[86][85] auch grundlegende Fragen der Zeolithgeometrie[87]
und der Verteilungsmuster des Silicium-Aluminium-Austauschs[88]
ansprechen.
Konkrete, auch durch eine Einkristall-Strukturanalyse sowie
Neutronenbeugungsanalysen an Pulverproben belegte
Vorstellungen über die Vorzugspositionen in Zeolith Y existieren unter
anderem für Benzol[89] und einige Benzolderivate[90].
Benzolmoleküle besetzen bei geringer Beladung bevorzugt planparallele
Positionen vor den vier sechsgliedrigen Silikatringen der angrenzenden
kleineren Sodalithkäfige, in deren Flächenmitte jeweils ein Natriumion
komplexiert ist. Dabei scheint ein regelrechter
-Komplex des Benzols
ausgebildet zu werden. Weitere, weniger günstige Positionen sind die
Ringöffnungen der großen Kanäle, in denen sie senkrecht zur Kanalachse
stehen, sodaß ihre Wasserstoffatome in maximalen Kontakt zu den
Sauerstoffatomen des Silikatgerüsts treten.
Das in der Simulation verwendete Modell umfasste zunächst nur einen isolierten Superkäfig, wobei die nach außen gerichteten freien Valenzen der Silikat-Tetraeder durch Hydroxylgruppen abgesättigt wurden. Zum Ausgleich der positiven Ladung der Natriumionen wurden sechs zufällig verteilte Siliciumatome des Gerüsts mit einer negativen Formalladung versehen, die vom Programm teilweise in deren näherer Umgebung dissipiert wurde, wodurch eine recht gute Näherung für die eigentlich auftretenden Aluminiumionen erreicht werden konnte. Da die kristallographische Elementarzelle des Zeoliths nur einen Teil des Superkäfigs umfasst, wurde das Modell unter Zuhilfenahme eines Molekülgrafikprogramms[91] aus einem entsprechend großen Ausschnitt der Kristallstruktur generiert.
Bei der zufälligen Variation der Koordinaten eines Benzolmoleküls innerhalb dieses Käfigs konnten tatsächlich die aus der Strukturanalyse bekannten Vorzugspositionen als energetisch günstigste Aufenthaltsorte ermittelt werden. Eine zusätzlich durchgeführte Moleküldynamik-Simulation ergab durchaus realistische Wanderungsbewegungen des Gastmoleküls im Hohlraum sowie auch zwischen zwei benachbarten Hohlräumen. Zur weiteren Untersuchung derartiger Systeme wird allerdings sicherlich die Einführung periodischer Randbedingungen notwendig sein, da jede explizite Vergrößerung des Modells zu einem überproportionalen Anwachsen des Rechenzeitbedarfs führt. Gleichzeitig verbleiben im gegenwärtigen Ansatz immer genug Möglichkeiten für das Gastmolekül, die Wirtsstruktur im Verlauf der Simulation zu verlassen, wodurch die Datenausbeute der Simulationsreihen noch empfindlich beeinträchtigt wird.